Der folgende Artikel wurde von einem unserer Senior Consultants verfasst und basiert auf über zehn Jahren praktischer Erfahrung im Projekt- und IT-Umfeld. Er gibt persönliche Einblicke in die Entwicklung agiler Arbeitsweisen, zeigt typische Herausforderungen aus realen Projekten auf und hinterfragt kritisch, warum etablierte Frameworks heute nicht mehr automatisch zu besseren Ergebnissen führen.
Als ich 2013 meine Ausbildung in der IT begann, arbeitete ich, kaum zu glauben, schon nach Scrum. Wir hatten so ziemlich alles, was das Agile Umfeld zu bieten hat: mehrere Entwicklungsteams, Product Owner, Scrum Master, Backlogs, Dailys, Weeklys. Also das volle Programm. Für mich als Azubi war das sowohl beeindruckend, als auch verwirrend. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit zurück. Zwischen den ganzen Meetings, Retrospektiven und Stand-ups hatte ich manchmal das Gefühl, dass das eigentliche Arbeiten zu kurz kam. Während befreundete Azubis in der Berufsschule in klassischen Projekten nach strukturierten und klar definierten Aufgaben arbeiteten, drehte sich bei uns mehr um Prozesse, als um Inhalte.
Was ich damals schon nicht verstanden habe war, warum sich alle so sehr auf das „Wie“ konzentrieren und nicht auf das „Was“ und „Warum“. Mit meiner heutigen Erfahrung sehe ich darin aber keinen Einzelfall, sondern ein Symptom.
Die Grenzen der Agilität
Agile Methoden wie Scrum und Kanban waren eine notwendige Revolution. Sie haben uns geholfen, starre Wasserfallmodelle aufzubrechen, Feedback früher einzubinden und den eigentlichen Kundennutzen in den Mittelpunkt zu stellen. Viele Organisationen sind aber irgendwann im agilen Selbstzweck stecken geblieben. Dailys, Plannings und Retrospektiven wurden zu festen Ritualen. Und das selbst auch noch dann, wenn sie keinen Mehrwert mehr brachten. Agilität wurde zum Prozessziel, nicht zum Erfolgstreiber.
In der Praxis sehe ich heute häufig Teams, die „agil busy“ sind. Ständig in Meetings, aber ohne klare Prioritäten. Und wenn man ehrlich ist wird manchmal Agilität zum Deckmantel, um Verantwortung zu verwässern oder Entscheidungen zu vertagen.
Beyond Agile – was kommt danach?
Meines Erachtens nach stehen wir an einem Punkt, an dem wir Agilität neu denken müssen. Nicht als Grundsatz, sondern als Werkzeugkasten. Nicht als Methode, sondern als Haltung. „Beyond Agile“ bedeutet, dass wir das Beste aus allen Welten kombinieren dürfen. Hier ist es dann auch ganz egal ob agil, klassisch oder hybrid. Das Ziel ist nicht, einem Framework zu folgen, sondern den Kontext zu verstehen und das anzuwenden, was wirklich funktioniert.
Hybrid und kontextsensitiv
Nicht jedes Projekt braucht denselben Ansatz. Ein Infrastrukturprojekt funktioniert anders als ein Software-Feature. Die Zukunft liegt ganz klar im situativen Mix. Mal mit klaren Meilensteinen und mal mit iterativen Sprints. Projektmanagement wird immer mehr methodenneutral: Es zählt, was dem Team hilft, Ergebnisse zu liefern. Nicht, was in einem Zertifikat steht.
Outcome statt Output
Agilität hat uns beigebracht, schneller zu liefern. Jetzt müssen wir nur noch lernen, auch das Richtige zu liefern. Mit Methoden wie „Value Stream Thinking“ oder „Systems Thinking“ rückt der Fokus wieder auf den Wert selbst, statt nur auf den Output. Es steht endlich wieder der tatsächliche Nutzen für den Endkunden oder Unternehmen im Mittelpunkt.
Führung neu gedacht
In agilen Organisationen braucht es keine klassischen „Chefs“, sondern Leader, die Orientierung geben. Aus dem sogenannten „Servant Leader“ wird der „Empowerment Leader“. Jemand, der Freiraum schafft und Entscheidungen ermöglicht. Frameworks schaffen zwar Struktur, aber am Ende noch keine Kultur. Vertrauen, Transparenz und echte Kommunikation sind das, was Teams letzten Endes erfolgreich macht.
KI als Gamechanger
Künstliche Intelligenz wird das Projektmanagement in den nächsten Jahren massiv verändern. Von smarter Ressourcenplanung über Risikovorhersagen bis hin zu datenbasierten Entscheidungen. Projektmanagement wird intelligenter, datengetriebener und vorausschauender werden. ABER: Der menschliche Faktor bleibt dennoch entscheidend. KI kann helfen, Entscheidungen zu treffen. ersetzt aber dennoch nicht das Denken dahinter.
Mein Fazit: Mehr Sinn, weniger Framework
Wenn ich heute an meine Anfänge zurückdenke, sehe ich das Ganze schon etwas klarer. Agilität war ein wichtiger Entwicklungsschritt, aber noch lange kein Endpunkt. Was wir jetzt brauchen, ist ein Projektmanagement, das flexibel ist – aber nicht beliebig. Strukturiert, aber nicht starr. Menschlich, aber trotzdem ergebnisorientiert.
„Beyond Agile“ heißt für mich:
1) Mehr Denken, weniger Dogma.
2) Mehr Ergebnis, weniger Prozess.
3) Mehr Sinn, weniger Hype.